Deutschlands dritt- oder viertgrößtes Satiremagazin

Wie Nadeln im Sturm

9. Mai 2020 ·

Fortsetzungsroman von Silke S. Bischoff


Kapitel sieben


»» Kapitel sechs verpasst? ««

Margot nahm auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch Platz und beobachtete den Polizisten, wie er langsam um sie herum ging und sich ihr gegenüber hinsetzte.

»Frau Gering, Ihnen geht es im Augenblick wohl nicht besonders gut, was?«

Margot sah ihn an. »Ist das so offensichtlich?« »Naja, Sie haben eben gerade nicht den Eindruck gemacht, als hätten Sie die Situation im Griff. Es passiert selten, dass ein Elternteil plötzlich von seinem eigenen Sohn getröstet werden muss.«

Margot schaute auf den Boden, nur mühsam konnte sie ihre Tränen unterdrücken. »Was für eine furchtbare Mutter, die vor ihrem verzweifelten Sohn anfängt zu plärren wie ein kleines Kind…«

»Das ist doch normal, wenn man gerade frisch von seinem Mann verlassen wurde.«

Margot blickte überrascht auf und sah den Polizisten an. »Wie…woher wissen Sie das?«

Der junge Mann wirkte plötzlich verlegen. »Es tut mir Leid, ich wollte nicht indiskret sein. Ich kenne Ihren Mann. Wir haben uns vor einigen Monaten im Bartel’s kennen gelernt. Wir sind bei einem Bier ins Gespräch gekommen. Eine Zeit lang war er ja ziemlich häufig dort.«

Natürlich. Das Bartel’s.

Diese alte miese Spelunke in der Terkenstraße, gegenüber der Bowlingbahn. Sie hat nie verstanden, was Dieter an dieser Kneipe findet, aber seit einem halben Jahr ging er immer öfter dorthin. Er wolle noch mit Kollegen ein Feierabendbier trinken, sagte er dann immer. Aber sicher.

In Wahrheit war es nur ein weiterer Fluchtort von Zuhause gewesen. Und von mir.

Margot wurde plötzlich wütend. »Schön zu wissen, dass mein Mann unsere Eheprobleme ganz offenbar mit dem halben Dorf teilt. Was hat er denn sonst noch erzählt? Wie lange wir schon keinen Sex mehr hatten? Seit wann es im Bett nicht mehr funktioniert?«

»Frau Gering, bitte!«

»Was wollen Sie denn noch wissen? Dass ich ihm ständig Vorwürfe gemacht habe, weil er wieder das Licht im Badezimmer angelassen hat? Oder dass es immer wieder zu Streitereien wegen der Jungs kam?«

»Frau Gering! Jetzt beruhigen Sie sich bitte!« Der Polizist stand mittlerweile neben ihr und legte Margot seine Hand auf die Schulter. »Es ist nicht so wie Sie denken. Wir hatten uns damals über alles mögliche unterhalten. Ich beobachtete mit der Zeit, dass er in sich gekehrter war als zuvor die Male. Als ich ihn darauf ansprach, wich er immer nur aus und sagte, er hätte beruflichen Stress und so weiter.«

»Ja, typisch Dieter!«, spottete Margot.

»Als wir dann eines Tages gemeinsam ein paar Biere tranken, brach es plötzlich aus ihm heraus und er sprach über seine Ehe und dass er eine Trennung in Erwägung ziehe.«
Der junge Polizist machte eine kurze Pause. Dann fuhr er fort: »Ich konnte nicht so viel zu dem Thema sagen. Ich kannte ihn ja auch kaum, geschweige denn, seine Frau und seine Kinder.«

Plötzlich wirkte er verunsichert. »Frau Gering, es tut mir leid, was Sie im Augenblick durchmachen müssen. Und jetzt auch noch die Anzeige gegen Ihren Sohn. Aber ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen.«


Nach dem 28. Klingeln nahm er schließlich ab.

Dieter hatte nicht vor, an sein Telefon zu gehen, doch eine solche Penetranz konnte auch er nicht einfach ignorieren. Wer auch immer das ist, ich hoffe sehr für ihn, dass es dringend ist.
Er meldete sich und war verblüfft, als er die Stimme am anderen Ende der Leitung vernahm.


Kapitel acht von »Wie Nadeln im Sturm« lesen Sie in der nächsten Ausgabe.


»» Inhaltsübersicht Ausgabe 19/2020 ««





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